Gastbeitrag: Ich, Student vom anderen Ufer

Vielleicht kennst du jemanden oder jemanden den du kennst, kennt jemanden vom sogenannten „anderen Ufer“. Ich bin einer von der gegenüberliegenden Seite des Sees, umgangssprachlich ein Homosexueller, ein Gay oder Schwuler. Seit September studiere ich (22) an der PH Zürich, mit dem Ziel Primarlehrer zu werden. Ich berichte dir darüber, welches die Hürden und die Freuden meines Alltags als schwuler Student sind und gebe dir einen Einblick in die weite, bunte Welt des anderen Ufers.

Aller Anfang ist schwer

Der erste Studientag steht bevor. Für die Allermeisten ein nervenaufreibendes Ereignis. Ein Cocktail aus Vorfreude, Anspannung, Überwältigung und einen Schuss Angst. Dies ist bei mir nicht anders. Die Tage vor dem Studium waren für mich eine Achterbahn der Gefühle. Man malt sich vieles aus, freut sich auf die Bekanntschaften und steigt hoch hinauf. Dann der ungebremste Fall: Ein neues Umfeld bringt mich jedes Mal ins tiefe Gedankental. Wie will ich mich geben? Wie könnten die Leute auf mich reagieren? Wie wird es sein, wenn Leute „es“ von mir erfahren? Soll ich mich outen? Wenn ja, wann und wie?

Ich fange mich wieder und sage zu mir: „Wir hatten diese Situation schon oft. Ist dir schon etwas schlimmes passiert? Falls ja, hat es dich stärker gemacht? Hast du es bereut?“. Ich beantworte mir die Fragen und stelle fest, dass es sich fast nie gelohnt hat, sich vorher den Kopf zu zerbrechen. Das meiste passiert aus dem Bauchgefühl heraus und dieses lässt mich nur selten im Stich. Ausser ich finde jemanden ganz toll und bilde mir ein, dass eventuell doch, unter Umständen, die Wahrscheinlichkeit besteht, dass er auch gay sein könnte oder zumindest bisexuell und ich ihn anquatschen sollte, es dann tue und er entzückt von seiner Freundin erzählt.

Somit ziehe ich an jenem besagten Spätsommertag mein hundertmal abgeändertes Outfit an und mache mich auf den Weg, auf dem dann doch die Vorfreude überwiegt.

Sei du selbst, das ist immer das beste Rezept

Ich treffe viele Leute am ersten Tag. Jeder scheint etwas verloren zu sein und das gibt mir ein wohliges Gefühl, als ob ich am Anfang eines Abenteuers stehe und noch nicht weiss, was mir alles bevorsteht. So vergehen weitere Tage und ich treffe immer mehr Leute. Mit manchen verstehe ich mich, mit manchen weniger, mein Bauchgefühl ist dabei mein treuer Begleiter. Die Zurückhaltung bei erstem Aufeinandertreffen gibt mir Ruhe und Zeit. Ich bin ganz ich selbst. Mit meinem Alter und meinen Erfahrungen weiss ich, dass ich niemanden was vormachen möchte und es nichts befreiendes gibt, als Leute zu treffen, ohne Zwang ihnen gefallen zu müssen. Viel schöner ist es nach einem Gespräch zu wissen, dass der gegenüber MICH mag und nicht eine angepasste Rolle.

Ich finde so langsam meine Leute und damit meinen Tritt. Ein Alltag entwickelt sich, das anfängliche Gefühl der Desorientierung legt sich. Die gemeinsamen Mittagessen werden gewöhnlicher und intimer, man fängt an, sich richtig kennen zu lernen.

Outing-Marathon

So beginnt für mich bereits im Oktober ein verfrühter Adventskalender mit vielen Überraschungen. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich hier und da auf verschiedenste Art und Weise oute und dies unterschiedliche Reaktionen bei meinem Gegenüber auslöst. Das Outing ist für mich mittlerweile nicht mehr dieser tränenreiche und angsterfüllte Moment, in dem ich mich völlig nackt und ausgestellt fühle. Ich habe dies nun bereits hunderte Male gemacht, kann zu mir stehen und definiere mich nicht mehr darüber. Ich war schon schwul bevor ich es gesagt habe und ich bin danach noch der Gleiche. Diese Gelassenheit musste ich mir jedoch aneignen. Es hat viel Zeit gebraucht, aber nun stehe ich an diesem Punkt.

So kann ich mittlerweile beiläufig von meinem Freund und unseren Ferien erzählen, meine Freude auf den sexy Mitstudenten hinweisen, an der Semesterparty angetrunken Jungs anflirten und dabei zu den bekannten Pop-Hymen von schwulen Ikonen twerken, lauthals mitsingen und mich so nicht limitieren bzw. transparent sein. Wenn ich jemandem so gefalle, fühle ich mich völlig angekommen und wenn nicht, ist es demjenigen sein Problem und ich mache es nicht mehr zu meinem.

Es ist jedoch nicht immer so einfach

Das Kopfzerbrechen vor dem Studienbeginn kommt jedoch nicht von ungefähr. Es gibt immer noch Aufeinandertreffen, bei denen ich es mir nicht so einfach machen kann. Ich denke seit dem Studienbeginn an Outings gegenüber meinem Mentor, meiner Praxislehrperson und Teilweise ganzen Seminargruppen. Hier kann ich nicht einfach „flüchten“, wenn verschiede Ansichten aufeinanderprallen und ich mache mir Gedanken darüber, ob dies einen Nachteil für mich darstellen kann.

Ich muss mir dann manchmal anhören, dass „normale“ sich auch nicht outen würden und ich diese Aufmerksamkeit suche und Probleme schaffe, wo keine seien. Dies mache ich aus keinem der genannten Gründe.
Es ist mir vor allem aus folgenden zwei Gründen ein Anliegen, Homosexuelle in jedem Bereich zu vertreten:

  • Wir sind Teil der Gesellschaft und wollen uns in Zukunft keine Gedanken mehr über allfällige Auswirkungen eines Outings machen müssen. Dafür muss es eine Selbstverständlichkeit werden, dass ich über meinen Partner und weiteres in allen Bereichen sprechen kann.
  • Ich bin mit 22 Jahren schon so weit, viele sind es jedoch noch nicht. Als kleiner Junge habe ich mich immer nach Leuten gesehnt, die so sind wie ich, nur habe ich diese selten gesehen oder getroffen. Ich bin es meinem kleinen Ich schuldig, diese Person für jemand anderes sein zu können.

Daher gehe ich manchmal den unangenehmen, dafür aber den richtigen Weg.

Zu guter Letzt

Ich bin zu guter Letzt auch nur ein stinknormaler Student, der eine äusserst intensive und lehrreiche Zeit in diesem Lebensabschnitt durchmacht. Der manchmal in Arbeit und Schulstoff ertrinkt und sich zur Abhilfe lieber auf ein Bier verabredet und dann erst um 5:00 Uhr morgens im Bett landet und sich in der Prüfungsphase dafür hassen wird. Der sich an vorlesungsfreien Nachmittagen vornimmt dies und jenes zu erledigen und dann doch nur Netflix schaut. In meinem Fall schaue ich dann zwar kein Breaking Bad oder Game of Thrones, sondern schaue liebend gerne erwachsenen Männern dabei zu, wie sie sich in umwerfende Drag Queens verwandeln und hole mir dabei Inspirationen für meine Dancemoves an der kommenden Semesterparty.

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